Wildbachverbauung


Geographische Grundlagen

Das Gebiet des Pfanngrabens liegt oberhalb der Waldgrenze zwischen 2000 und 2600 m Mh am Südhang des Pfannhorns bei Toblach im Pustertal (Südtirol/Italien). Das gesamte Gebiet ist durch die sehr ungünstige Lagerung der den Gebirgszug aufbauenden Gesteine sehr anfällig für Erosion.

Geologie und Geomorphologie

Geologisch gesehen gehört das Massiv der Villgrater Berge, denen das Gebiet des Pfannhorns angehört, zur Zone der Alten Gneise. Das geologische Substrat bilden Para- und Orthogneise, Biotit- und Muskovitglimmerschiefer, Hang- und Moränenschutt. Das Gebiet hat eine Neigung von etwa 40-50% und stellt ein System von verschieden alten Rutschungsflächen dar, die von zeitweiligen oder ständigen Wasserläufen und Lawinenrinnen durchzogen sind. 

Boden

Infolge der großen Verbreitung der silikatischen Lockersedimente, nehmen neben Rohböden auf noch gestörten Geländeeinheiten Braunerden ein großes Areal ein. Auch sie sind durch Rutschungen und Überschüttungen geprägt. In den Bereichen der alpinen Rasenmatten und stark vergrasten Zwergstrauchheiden findet man vorwiegend skelettreiche alpine Rasenbraunerden, welche sich großteils aus Resten fossiler Podsole entwickelt haben (stammen aus Wäldern postglazialer Wärmezeiten). Die Bildung der Braunerden aus diesen Podsolen wurde durch die Erosionstätigkeit mehrmals gestört und war von physikalischer Verwitterung mit minimalster Stoffumwandlung begleitet. Auf den Begrünungsflächen findet man Lockersedimentrohböden. Die Gründigkeit liegt im allgemeinen zwischen 50-60 cm. Tiefgründige Böden kommen nur lokal vor und sind auf Hangmuren und Überschüttungen zurückzuführen.

Bodenbedeckung und Bodennutzung

Das gesamte Einzugsgebiet des Pfannhornbaches oberhalb von 1900 m Mh. ist weitgehend waldfrei. Da die gegenwärtige potentielle Waldgrenze bei 2100 m Mh. liegt, diese aber durch die Beweidung herabgedrückt wurde, könnten wenigstens die unteren 200 m des Einzugsgebietes waldbedeckt sein. Bis etwa 2400 m Mh. ist die Vegetationsbedeckung des Bodens dicht. Die Anbrüche setzen teilweise erst oberhalb von 2400 m Mh. im steilen Hangbereich mit spärlicher Vegetationsdecke an.
Begünstigt und z.T. ausgelöst und vermehrt wurden die Erosionsschäden durch eine raubbauähnliche ungeregelte Weidewirtschaft und den flächenhaften Kahlschlag des Waldes im Mittelalter (bis Mitte letztes Jh.). Zwischen 1830 und 1860 wurde das Pfannhorn zu stark beweidet. Bis zu 1500 Schafe waren zu jener Zeit auf den Almen. Bereits um die Jahrhundertwende wurde die Weide stark eingeschränkt, um die stark einsetzenden Erosionserscheinungen nicht mehr zu fördern; außerdem wurden die Hanglagen bis 2100 m Mh. aufgeforstet. Heute ist das Erosionsgebiet mit einem Weideverbot für sämtliche Haustiere belegt.
Die starke Zerschneidung des Geländes begann mit den Katastrophenereignissen des Jahres 1882 (Septemberniederschlag insgesamt 285 mm, davon 178 mm zwischen dem 15-18 September) mit folgenden starken Oktoberniederschlägen (42 mm), die teilweise als Schnee fielen, und in der Folge wiederum schmolzen).

Bodenabtrag 

Die Voraussetzungen für die Erosionsanfälligkeit sind in den orographischen sowie in den geologischen und hydrogeologischen Verhältnissen zu suchen.
Bezüglich der Erosionsproblematik am Pfannhorn ist anzunehmen, dass der größte Teil des oberflächlich abfließenden Wassers im Laufe des Jahres aus den Niederschlägen in Form von Schnee, der auf der Bodenoberfläche gespeichert wird, stammt. Bei der Schneeschmelze fließt der so gespeicherte Niederschlag binnen weniger Wochen ab, führt zur Verletzung der Bodenoberfläche und setzt somit den Grundstock für spätere tiefgreifende Erosionsereignisse.
Im Mittel wurden bisher ca. 22.000 m³ Lockermaterial pro Jahr abtransportiert. Auf das Einzugsgebiet bezogen ergibt sich eine spezifische Erniedrigung von 15-16 mm/Jahr. Es wurde geschätzt, dass eine gelungene Begrünung den Bodenabtrag-bedingt durch eine beträchtliche Reduzierung des ursprünglichen Wasserabflusses- auf max. 10 g/m2 reduzieren kann. Ausschlaggebend für das Pfannhorn sind die Starkregenniederschläge (HQ100: ca 50,5 m³/sec); nach solchen kann mit einer Lockermaterialumlagerung von 200.000 m³ gerechnet werden.

Verbauungstätigkeit

Bereits nach den Hochwässern des Jahres 1882 erfolgte im Einzugsgebiet des Silvesterbaches eine besonders intensive Verbauungstätigkeit. Über 800 Sperren wurden in den wichtigsten rechtsseitigen Zuflüssen und Gräben des Silvesterbaches durchgeführt und die Arbeiten zur Sanierung der aktivsten Anbrüche begannen. Wegen der örtlichen Gegebenheiten wurden diese Verbauungen meist aus Holz, weniger aus Steinen errichtet. Zeitweilig waren 300 bis 400 größtenteils italienische Arbeiter, die von auswärts herangeholt worden waren, daran beschäftigt. Am 27. September 1884 erfolgte die Einweihung der neuen Bauten. Obwohl die Verbauung vorzüglich gelang, und die vollständige Beruhigung einiger Gräben bewirkte, so dass das Hochwasser von 1885 schadlos verlief, mussten zwei Jahrzehnte später Ausbesserungs- und Ersatzarbeiten an morschem Holzwerk vorgenommen werden. Vor allem erkannte man die Notwendigkeit, die Eingriffe auf die obersten Grabenanteile auszudehnen. Aus Mangel an vor Ort verfügbarem Baumaterial wurden diese Maßnahmen zunächst nicht umgesetzt. Entscheidende Jahre der Hangstabilisierung waren die Jahre zwischen 1905 und 1914 sowie die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, wobei jedoch Geldmangel eine mehrjährige Unterbrechung notwendig machte. Nach 1947 folgte die Fortführung und weitgehende Vollendung der Verbauung der Erosionsrinnen in den schwer zugänglichen Hochlagen des Gehänges am Pfannhorn durch den Einbau von über 280 Betonsperren.Die Erosionsgräben und -flächen wurden ab 1976 bis in eine Höhe von 2500 m Mh. durch den damaligen Sonderbetrieb für Bodenschutz, Wildbach- und Lawinenverbauung begrünt.  Zumeist wurde die Methode Bitumen-Strohdecksaat angewandt. Diese begrünten Flächen wurden dann über Jahre hinweg gedüngt und gepflegt, sowie mit alpinen Gräsern und Kräutern als Topfpflanzen (in Rootrainer) verbessert. Die Saatgutmischung für Begrünungen von Erosionszonen oberhalb der Waldgrenze auf saurem Substrat hat einen großen Wandel erfahren. Bis in die 80er-Jahre war noch kein autochthones Saatgut am Markt erhältlich. Man verwendete Saatgut mit einer größeren Höhenamplitude, das jedoch in den Folgejahren nach der Ausbringung allmählich aus dem Bestand verschwand und nicht zeitgerecht über die Einwanderung von autochthonen Arten ersetzt werden konnte. Die Folge war, dass gerade diese Begrünungen der ersten Generation in den Jahren danach größerer Pflege (Düngung und Nachsaat, Rootrainer) bedurften. Zu Beginn der 1980-iger Jahre wurde mit der Anzucht von standortgerechten Gräsern begonnen. Dafür war zunächst eine gewisse Menge Muttersaatgut erforderlich (Poa alpina, Festuca nigrescens, Deschampsia flexuosa, D. caespitosa), welches zur großflächigen Vermehrung ins Ausland (U.S.A., Dänemark, Deutschland) gebracht wurde und heute in ausreichendem Maße am Markt erhältlich ist. Heute liegt der Anteil an autochthonem Saatgut in der Hochlagenmischung bei 75%.

Pfannhorn heute

Am Pfannhorn sind heute die unterschiedlichsten Verbauungstechniken zu beobachten, die in den vergangenen Jahrzehnten realisiert wurden. Von den alten Steinschwellen und Holzschwellen der frühen 1900er Jahre, über die großen Betonsperren der 1960er Jahre bis hin zu den ingenieurbiologischen Maßnahmen. Diese letztgenannten Bautechniken sehen die Verwendung von biologischen Materialien vor, sowie die Stabilisierung der Erosionsflächen durch die Saat von krautigen Pflanzen und die Pflanzung von Sträuchern und Bäumen.

Obwohl die meisten Sanierungs- und Begrünungsarbeiten heute als abgeschlossen betrachtet werden können, wird die Instandhaltung und Pflege aller ursprünglich erodierten Flächen jährlich fortgesetzt. Heute ist es besonders wichtig, auch kleine Erosionsflächen durch Nachsaat und Düngung noch zu pflegen, um das Fortschreiten neuer und umfangreicherer Erosionsphänomene zu vermeiden. Die Düngung der Begrünungen wird mit organischen Düngemitteln so lange durchgeführt, bis die Grasnarbe geschlossen ist. In der Folge wird aussetzend gepflegt, d.h. je nach dem Zustand der Begrünung wird die Fläche in den folgenden Jahren wiederum aufgesucht.

Alle diese wichtigen Instandhaltungsarbeiten werden von den Mitarbeitern des Amts für Wildbachverbauung Ost der Agentur für Bevölkerungsschutz durchgeführt.


Zusammenfassung

Die Gräben am Toblacher Pfannhorn sind aufgrund der Bodenbeschaffenheit und der hydrogeologischen Gegebenheiten sehr erosionsgefährdet und stellen somit für Toblach und Wahlen seit jeher eine beträchtliche Gefahr dar. Allein im 19. Jahrhundert hat der Silvesterbach ganze Dorfteile mehrmals überflutet. Erst durch den besonderen Schutz des Pfannhorns vor Überweidung und Abholzung und durch umfangreiche Hangsicherungs-und Befestigungsbauten (Sperren), sowie durch die gezielte Bepflanzung der erosionsgefährdeten Stellen ab dem Jahr 1882 bis heute konnte das Gelände weitgehend stabilisiert und weiterer Schaden von den darunterliegenden Dörfern abgewendet werden.


Der besondere Schutz des Geländes vor erosionsfördernden Eingriffen, sowie die laufende Wartung der Befestigungsanlagen und die kontinuierliche Pflege der begrünten Flächen sind die unabdingbare Voraussetzung dafür, dass auch in der Gegenwart und in der Zukunft-ein gnädiges Schicksal vorausgesetzt- die Hänge weitgehend stabil und Toblach und Wahlen vor weiteren Überschwemmungen verschont bleiben.



Quelle: Amt für Wildbachverbauung Ost der Agentur für Bevölkerungsschutz


Bilder:
Befestigungs- und Begrünungsarbeiten am Pfannhorn
Chronologie der Beruhigung der Erosionsflächen am Pfannhorn